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„Wir brauchen Orte des Erinnerns“

Im Juli 2019 wurde das Grab des evangelischen Pfarrers Julius von Jan auf Wunsch seiner Nachfahren vom Friedhof Korntal nach Oberlenningen transportiert. Seit Jahreswende liegt auf dem Friedhof in Korntal dafür ein neuer Grabstein und eine Stele wurde vor der Aussegnungshalle errichtet.

Über die Hintergründe der neuen Gedenksteine, die an den NS-Widerstandkämpfer erinnern, berichtet eine der Initiatoren im Interview.

Es ist eine entsetzliche Saat des Hasses, die jetzt wieder ausgesät worden ist.“ So aktualisierte der evangelische Pfarrer Julius von Jan am 16. November 1938 in seiner Predigt zum Buß- und Bettag in Oberlenningen den Bibelausschnitt Jeremia 22. Offen und unmissverständlich kritisierte er in dieser Predigt die Pogrome der sog. „Reichskristallnacht“. Julius von Jan war einer der wenigen Kirchenmänner, die gegen die Gräuel der Judenverfolgung öffentlich ihre Stimme erhoben.

Eine Woche später wurde er von SA-Männern brutal zusammengeschlagen und anschließend verhaftet. Bis zum Kriegsende musste der Widerstandskämpfer immer wieder Misshandlungen, Gefängnishaft und Landesverweisung ertragen. Nach dem Krieg übernahm er 1949 in Zuffenhausen seine letzte Gemeinde. 1958 zwang ihn seine angeschlagene Gesundheit zur Berufsaufgabe. Seinen Ruhestand verbrachte der zeitlebens dem schwäbischen Pietismus verbundene von Jan in Korntal, wo er noch als Krankenseelsorger der Brüdergemeinde tätig sein konnte. Als er im Alter von 67 Jahren starb, wurde er auf dem Friedhof in Korntal beigesetzt. 2018 verlieh ihm die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem posthum den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“.  Nachdem die Nachfahren von Julius von Jan im Juli 2019 den Grabstein des Widerstandskämpfers an seine alte Wirkungsstätte nach Oberlenningen zurückholten, finanzierte die Stadtverwaltung Korntal-Münchingen gemeinsam mit dem Schuldekan Andreas Löw und dem pensionierten Schulleiter Walter Link eine Erinnerungsstele für Julius von Jan sowie einen neuen Grabstein. Der Gedenkstein wurde nach den Vorgaben des Friedhofs Korntal angefertigt und enthält neben den Daten von Julius von Jan auch noch ein Bibelzitat, um welches er seine Rede aufgebaut hat. Da eine offizielle Einweihungsfeier der Stele während der Corona-Pandemie noch nicht möglich war, besuchte die Amtsblattredaktion die Erinnerungsstätte an der Aussegnungshalle am Friedhof Korntal und führte das Gespräch mit Andreas Löw. Im Interview erzählt der Vorstand der vhs Korntal-Münchingen, welche Bedeutung das Grab von Julius von Jan heute für die Menschen in dieser Stadt hat:

Andreas Löw mit der Stele von Julius von Jan

Was fasziniert Sie so an Julius von Jan?
Andreas Löw: Julius von Jan war ein mutiger Mann. Was er geglaubt und gesagt hat, passte mit dem zusammen, was er getan hat. „Es ist eine entsetzlich Saat des Hasses, die jetzt wieder ausgesät worden ist“ – seine Botschaft ist auch heute noch im Hinblick auf die antisemitischen Verschwörungstheorien zum Ausbruch des Corona-Virus aktuell.
Welche Verbindung haben Sie zu dem Widerstandkämpfer?
Andreas Löw: Ich war vor einigen Jahren  Pfarrer an der Christuskirche in Korntal. Vor dem Buß- und Bettag ging ich regelmäßig mit Konfirmandinnen und Konfirmanden zum Grab von Julius von Jan und sprach mit ihnen über sein Leben und seine Bußtagspredigt . Ich halte es für wichtig, dass Jugendlichen nicht nur von der NS-Zeit hören, sondern auch von den Taten und dem Mut der wenigen Widerstandskämpfer. Julius von Jan kann für uns alle ein Vorbild sein, sich gegen rechtsextremistische Äußerungen zu wehren.
Warum ist dieser Grabstein so wichtig für Korntal-Münchingen?
Andreas Löw: Heute, am 8. Mai 2020 war eine große Veranstaltung mit 1000 Zuschauern und 500 Jugendlichen zu dem 75. Jahrestag des Kriegsendes in Berlin geplant – wegen der Corona-Pandemie fand sie nur vor wenigen Repräsentanten unseres Staates statt. Es wäre eine der letzten Gedenkfeiern gewesen, bei denen Überlebende von ihren Erlebnissen vom Holocaust berichten könnten. Wenn wir aber keine Zeitzeugen mehr hören können, die uns wachrütteln, dann brauchen wir Orte des Erinnerns. Julius von Jan hat sich Korntal auf Grund seines Glaubens bewusst als Wohnort ausgesucht. Die Stele und das Grab von Julius von Jan soll Jugendlichen und Erwachsenen in dieser Stadt Mut machen, nicht mitzulaufen, sondern für ihre Überzeugungen einzustehen.
Das Interview wurde am 8. Mai 2020 geführt (et).